Bei der nichtketotischen Hyperglycinämie (NKH), einer nicht geschlechtsbezogen (autosomal) und rezessiv (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) vererbten Krankheit aufgrund eines Defektes im Glycin-abbauende Enzymkomplex. Glycin ist eine Aminosäure (Eiweißbaustein), die in allen Eiweißen vorkommt. Der Glycin-abbauende Enzymkomplex. besteht aus insgesamt 4 Einzeleiweißen:
P-Protein = Glycindecarboxylase (ein Vitamin B6 anhängiges Enzym)
T-Protein = Tetrahydrofolat benötigendes Eiweiß
H-Protein = Liponsäure enthaltendes Eiweiß (mit einer S-S-Brücke)
L-Protein = Lipoamiddehydrogenase (ein Enzym).
Aufgrund Defekts im Glycin-abbauende Enzymkomplex kommt es zu einer generellen Erhöhung der Glycinkonzentrationen in allen Körperflüssigkeiten, besonders aber im Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis).

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

In der Regel treten Krankheitszeichen bereits zwischen dem 2ten und 8ten Lebenstag auf: Bewusstseinsverminderung, Reaktionsverlangsamung und ausgeprägte Muskelschlaffheit (floppy baby), nachfolgend Ernährungsprobleme (die Kinder schlucken nicht), Störungen bei der Atmung, totaler Bewusstseinsverlust, Störungen der Augenbewegungen (Ophthalmoplegie) mit und ohne Blindheit, unstillbarer Schluckauf (Singultus) sowie Krampfanfälle. In der Stromableitung des Gehirns (Electroencephylogramm; EEG) findet man typische Zackenmuster (burst suppretion), mittels bildgebenden Hirnuntersuchungen (MRT/CT) lässt sich gelegentlich eine fehlerhafte Entwicklungen oder als totales Fehlen einer Hirnregion (des Corpus callosum) nachweisen (Eventuell sogar schon vor der Geburt!).
Atypische Formen mit Auffälligkeiten erst im Säuglingsalter oder im noch späteren Lebensalter sind ebenso beschrieben, wie milde, gelegentlich auffällig werdende und nur vorübergehende Verläufe im Neugeborenenalter. Diese Formen sind aber sehr selten.
Überleben die Betroffenen die Neugeborenenzeit, entwickeln sie in der Regel neben ihrer extremen Muskelschlaffheit  ein Krampfleiden (meist beginnend mit „Myoclonic jerks“). Die Betroffenen sind geistig behindert, häufig blind. Die Muskelschlaffheit weicht später einer extrem erhöhten Eigenspannung der Muskulatur (Spastizität).

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Die zu einer Diagnose führenden Messergebnisse sind die laborchemisch (ionenaustauschchromatographisch) nachweisbaren Konzentrationenserhöhungen der Aminosäure Glycin in Blutplasma und im Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis) sowie die Veränderung des Liquor/Plasma-Verhältnisses von Glycin (zu Gunsten der Liquorkonzentration).
Der gylcinabbauende Enzymkomplex (Glycine cleavage system) lässt sich in der Leber, im Gehirn, in den Nieren und in geringer Ausprägung auch in weißen Blutzellen (Lymphoblasten)  aber auch in Anteilen der Plazenta (Chorion) nachweisen.
Bisher sind nur Defekte in den P, T und H-Proteinen bekannt.
Die Krankheitserscheinungen und deren Veränderungen mit zunehmendem Alter lassen sich aus  den biologischen  Wirkungen von Glycin erklären:
Hemmender Nervenüberträgerstoff (Inhibitorischer Transmitter; inhibitorischer Glycinrezeptor)
Erregender Nervenüberträgerstoff (Excitatorischer Transmitter; Stimulierung des N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptors)

Behandlung

Die Behandlung der nichtketotischen Hyperglycinämie erfolgt sowohl mit Medikamenten als auch durch eine Diät  mit dem Ziel der Senkung der Glycinkonzentrationen, sowie der Einschränkung der Wirkung von Glycin im Gehirn und damit Verhinderung oder Verlangsamung der Hirnschädigung und Vermeidung von Krampfanfällen.

Medikamente (ärztlich verordnet)
a) Benzoat (Benzoesäure) zur Bindung von Glycin (500 – 750 mg/kg KG und Tag)
b) Strychnin (in der Neugeborenenzeit) als Gegengift zur hemmenden Wirkung von Glycin, Verbesserung der Atmungsfunktion (0,3 – 2,0 mg/kg KG und Tag)
c) Dextromethorphan als Antagonist von Glycin am  NMDA-Rezeptor (weniger Krampfanfälle) (35 mg [bus 40 mg]/kg KG und Tag)
Weitere Behandlungen  mit:
Carbamacepin gegen Krampfanfälle (Barbiturate und Phenytoin sind in der Regel wirkungslos und Valproat kontraindiziert)
Felbamat, ebenfalls NMDA-Rezeptorblocker
Ev. L-Carnitin, bei niedrigen Blutspiegeln infolge der Gabe von Benzoesäure (Bezoat).

Die diätetische Behandlung erfolgt mit einer eiweißarmen Diät zur Senkung der Glycinkonzentration. Durch die Eiweißreduktion wird die Aufnahme der nichtessentiellen Aminosäuren (nicht lebenswichtigen Eiweißbausteine) Glycin und Serin (eine Vorstufe von Glycin), reduziert. Die Glycin- und Serin-arme Ernährung ist je nach Einschränkung der Eiweißzufuhr mit einem Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Entsprechend der berechneten Eiweißmenge können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener geringer Eiweißmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Zuverlässige und langfristige Behandlungserfolge lassen sich weder mit der medikamentösen noch der diätetischen Behandlung sicher feststellen!

Aussichten für die Zukunft

Viele Betroffene sterben bereits in der Neugeborenenzeit. Zuverlässige Aussagen über die Aussichten für die Zukunft sind anhand der Glycinkonzentrationen in den verschiedenen Körpersäften nicht zu machen. Das gleiche gilt auch für die milderen und vorübergehenden Formen, die sich weder anhand der Krankheitserscheinungen noch nach den Laborbefunden in den  ersten Lebenstagen bzw. -wochen von den schweren Formen unterscheiden lassen.
Einige Betroffene zeigen eine günstigere Entwicklung, lernen laufen und etwas sprechen. Insgesamt kann die Zukunft der Betroffenen nicht als gut angesehen werden. Auch die deutliche Senkung der Glycin-Blutspiegel hat offensichtlich keinen Einfluss auf die Langzeitentwicklung.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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