Bei der Tyrosinämie Typ I (Tyrosinose; Vermehrung von Tyrosin im Blut) handelt es sich um einen nicht geschlechtsbezogenen (autosomal) und rezessiv vererbten (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) Defekt im Abbau des Eiweißbausteins (Aminosäure) Tyrosin. Ein Enzym im Abbauweg der Aminosäure Tyrosin (die so genannte Fumarylacetoacetase) ist defekt. Aufgrund dieses Stoffwechseldefektes kommt es zu einer Erhöhung der Konzentrationen von Tyrosin und einigen seinen Stoffwechselabkömmlinge in allen Körperflüssigkeiten und Geweben. Die vor dem Enzymblock aufgestauten Stoffe hemmen verschiedene Enzyme im Körper, wodurch die Krankheitserscheinungen hervorgerufen werden.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Bei der akuten Form der Tyrosinose I (neonatale Form) treten klinische Symptome in den ersten Lebenswochen und Monaten auf. Es kommt zum Leberversagen meist mit schweren Blutgerinnungsstörungen. Später treten Nierenschäden, seltener auch Störungen der Funktion der Bauchspeicheldrüse und des Herzmuskels hinzu.
Die chronische (infantile) Form beginnt schleichend mit Wachstumsstillstand und Auftreibung des Bauches. Dann lassen sich schon schwere Leberveränderungen  (Lebercirrhose mit Ösophagusvarizen) mit Blutgerinnungsstörungen, Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum, sowie Nierenschädigungen mit der Folge von Knochenerweichung (Vitamin D-resistenter Rachitis) nachweisen.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Einige beim Fumarylacetoacetase-Mangel (Tyrosinose Typ I) vermehrt anfallenden Substanzen sind giftig und hemmen verschiedene Stoffwechselwege im Körper. Nicht nur Tyrosin und seine Abbauprodukte (Fumarylacetoacetat, Succinylacetoacetat, Succinylacetat, Acetyltyrosin, Hydroxy-Phenylbrenztraubensäure, Hydroxy-Phenylessigsäure) finden sich in allen Körperflüssigkeiten (besonders im Urin) vermehrt, sondern auch der Eiweißbaustein (die Aminosäure) Methionin und die so genannte δ-Aminolaevulinsäure.
Die Tyrosinose Typ I ist keine Zielkrankheit im Rahmen des in Deutschland seit 2002 etablierten erweiterten Neugeboerenenscreenings aus Trockenblut mittels Tandem-Massenspektrometrie.

Die Häufigkeit der Tyrosinämie Typ I wird in Deutschland mit etwa 1:100.000 angegeben. Sie gehört zur Gruppe der seltenen Erkrankungen (orphan disease).

Behandlung

Die Therapie der Tyrosinämie I besteht in einer Kombination von medikamentöser und diätetischer Behandlung.
Die medikamentöse Behandlung besteht in der Gabe von NTBC [2-(2-Nitro-4-Trifluoromethylbenzoyl)-1,3-Cyclohexanedion] (Orphadin®). NTBC blockiert den Tyrosin-Abbau auf einer Stufe, bei der dann nur ungiftige Substanzen vermehrt anfallen. Bei Zufuhr normaler Mengen an natürlichem Eiweiß kommt es jedoch infolge dieser angeborenen Störung  zur Erhöhung von Tyrosin und in geringerem Ausmaß auch von Phenylalanin im Blut, die meist eine spezielle Diät erforderlich machen. Die lebenslänglich durchzuführende diätetischen Langzeit- bzw. Dauertherapie besteht in der Einschränkung der Zufuhr von Tyrosin und Phenylalanin mit der Nahrung (eiweißreduzierte Diät) und einer dadurch notwendigen werdenden zusätzlichen Gabe aller anderen, vor allem lebenswichtigen (essentiellen) Eiweißbausteine (Aminosäuren) (in Form eines phenylalanin- und tyrosinfreien Aminosäurengemisches). Auf eine ausreichende Zufuhr von Kalorien (Kohlenhydrate, Fett), sowie aller Vitamine, Mineralien und Spurenelemente muss geachtet werden.

Die Diät mit Reduktion der Zufuhr der Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin, die in allen Eiweißen enthalten sind (in tierischen Eiweißen mehr als in pflanzlichen), bedeuten für die Betroffenen einen weitgehenden Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie:
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Aspartam (Süßungmittel), z.B. in Cola light
Entsprechend der berechneten Phenylalanin-(und Tyrosin-)menge können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener geringer Phenylalanin- und Tyrosinmengen):
Wasser, Limonade (ohne Aspartam), Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi (ohne Aspartam)
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Aussichten für die Zukunft

Die Prognose der Tyrosinämie I unter den genannten Therapien ist ausgesprochen gut. Als Einschränkung ist anzuführen, dass Patienten mit Tyrosinämie I häufiger an Leberkrebs erkranken, als Stoffwechselgesunde.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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