Der mit dem Nahrungseiweiß aufgenommene Stickstoff wird, wenn der Körper ihn nicht weiter benötigt, als Harnstoff mit dem Urin ausgeschieden. Die Bildung des Harnstoffs erfolgt vorwiegend in der Leber, in einem als Harnstoffzyklus genannten System, an dem mehrere Enzyme beteiligt sind. Bei dem nicht geschlechtsgebunden (autosomal) und rezessiv vererbten (das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) Mangel an einem dieser Enzyme, der Carbamylphosphatsynthetase (CPS-I, das in den als Mitochondrien bekannten Zellbestandteilen lokalisiert ist), handelt es sich eine schwerwiegende Erkrankung.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Bei der schweren Form dieser Erkrankung treten bereits am ersten bis dritten Lebenstag in Abhängigkeit von der Aufnahme von Eiweiß (mit der Milch) eine Verlangsamung der Reaktionen, Bewusstseinsverlust und Krampfanfälle, Erbrechen, evtl. Atmungsstörungen, Hirnschwellung, Muskelschlaffheit und Lebervergrößerung auf. Sie sind verursacht durch eine Vermehrung von Ammoniak (Hyperammonämie) im Körper (Ammoniak ist eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist). Werden die gefährlichen Zustände mit Ammoniakvermehrung überlebt, bleiben Ernährungsschwierigkeiten mit häufigem Erbrechen, Verzögerungen der körperlichen Entwicklung, Verringerung der Gehirnmasse, aber auch Muskelschlaffheit, Zitterbewegungen und weitere Auffälligkeiten des Nervensystems.
Milde Sonderformen dieser Krankheit (leichte oder späte Formen) können durch Zurückbleiben der körperlichen Entwicklung auffallen.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Das wichtigste Krankheitszeichen des Carbamylphosphatsynthetase (CPS-I)-Mangels ist die Erhöhung der Ammoniakkonzentrationen im Körper [bei gleichzeitiger Veränderungen einiger Eiweißbausteine (Aminosäuren) im Blut: meist starke Vermehrung von Glutamin (ev. auch von Asparagin und Alanin], bei gleichzeitiger Verminderung von Citrullin und Arginin. Harnstoff ist in der Regel sehr niedrig. Die so genannte Orotsäure, die bei anderen Harnstoffzyklusdefekten erhöht ist, wird in nur sehr geringen Mengen mit dem Urin ausgeschieden.
Anhand der Laboruntersuchungen aus Blut und Urin lässt sich der Carbamylphosphatsynthetase-Mangel nicht von einem im Harnstoffzyklus benachbarten Defekt, dem N-Acetylglutamatsynthetase-Mangel, unterscheiden! Die Messung des Enzyms in Leber oder Darmschleimhaut ist zur sicheren Feststellung der Krankheit deshalb notwendig.
Je höher ein Rest von Enzym noch tätig ist, desto leichter sind die zu erwartenden Krankheitszeichen.

Behandlung

1. Bei Auftreten der ersten Beschwerden/Notfallbehandlung

Bei der Erstversorgung oder bei einer Stoffwechselentgleisung steht an erster Stelle der Behandlung die Senkung der Ammoniakkonzentration. Dieses geschieht durch Stopp der Eiweißzufuhr (nicht länger als 2 Tage) bei gleichzeitiger Zufuhr von viel Kalorien (z.B. in Form von Traubenzucker) und Gabe von ammoniakbindenden Medikamenten [Natriumbenzoat und Phenylbutyrat (Ammonaps ®)]. In der Regel sind neben der Änderung der Ernährung und der medikamentösen Behandlung zusätzlich Infusionen, gelegentlich auch intensivmedizinische Eingriffe (Dialyseverfahren) zur Senkung der Ammoniakkonzentration notwenig.
Erst- oder Notfallbehandlungen bei schweren Stoffwechselentgleisungen sollten nur von dafür spezialisierten Ärzten in Stoffwechselzentren durchgeführt werden!

2. Langzeitbehandlung

Die Therapie des Carbamylphosphatsynthetase (CPS-I)-Mangels besteht in einer Kombination von medikamentöser und Ernährungs-Behandlung. Beide müssen lebenslang strikt eingehalten werden.
Neben der regelmäßigen Einnahme von ammoniakbindenden Medikamenten (sowie eventuell der meist sehr niedrigen Harnstoffzyklusbestandteile Arginin bzw. Citrullin) ist die diätetische Behandlung die Hauptsäule der Therapie. Sie besteht in einer drastischen Einschränkung der Zufuhr von natürlichem Eiweiß mit dem Essen bis auf den minimalen Bedarf. Die altersentsprechende Stickstoffzufuhr erfolgt dann mit einem Gemisch von lebensnotwenigen Eiweißbausteinen (essentiellen Aminosäuren). Auf eine ausreichende Gabe von Salzen (Mineralien), Vitaminen und Spurenelementen muss geachtet werden. Wichtig ist auch eine optimale Zufuhr von Kalorien z.B. in Form von Kohlenhydraten und Fett. Diätfehler mit zu hoher Zufuhr von natürlichem Eiweiß sind ebenso gefährlich wie Situationen, in denen körpereigenes Eiweiß abgebaut wird (Katabolie), z.B. bei Hungerzuständen.
Die sehr starke Reduktion der Zufuhr an natürlichem Eiweiß bedeutet für die Betroffenen einen Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Lakritze
Entsprechend der berechneten Eiweißmenge, können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener Eiweißrestmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Aussichten für die Zukunft

Die Aussichten für die Zukunft ist bei Betroffenen, die bereits in den ersten Lebenstagen Krankheitszeichen entwickeln, kritisch. Bei milderen Formen ist die Zukunft abhängig von der Beherrschung bzw. Vermeidung von Stoffwechselentgleisungen, d.h. Vermeidung von Ammoniakvermehrungen.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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