Der mit der Nahrung mit Eiweiß aufgenommene Stickstoff wird, wenn der Körper ihn nicht weiter benötigt, als Harnstoff mit dem Urin ausgeschieden. Die Bildung des Harnstoffs erfolgt vorwiegend in der Leber, in einem als Harnstoffzyklus genannten System, an dem mehrere Enzyme beteiligt sind.
Eines dieser dem Harnstoffzyklus zuzuordnenden Enzyme ist die N-Acetylglutamatsynthetase (NAGS). Bei Vorliegen eines nicht geschlechtsbezogenen autosomal und rezessiv vererbten (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) Mangels dieses Enzyms funktioniert die Bildung von Harnstoff nicht. [N-Acetylglutamat wird dann nicht gebildet. Diese Substanz benötigt aber ein anderes Harnstoffzyklusenzym, die Carbamylphosphatsynthetase-I, als Helfer (Coenzym)].

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Bei dieser Erkrankung treten bereits in den ersten Lebenstagen in Abhängigkeit von der Aufnahme von Eiweiß mit der MilchVerlangsamung der Reaktionen, Bewusstseinseintrübung, Krampfanfälle, Erbrechen, evtl. Atmungsstörungen und Zitterbewegungen auf. Sie sind verursacht durch eine Vermehrung von Ammoniak (eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist) im Körper (Hyperammonämie). Ohne sofortige konsequente Behandlung versterben die Betroffenen schon in den ersten Lebenswochen. Werden die lebensbedrohlichen Phasen mit Ammoniakvermehrung überlebt, bleiben Ernährungsschwierigkeiten mit häufigem Erbrechen, Verzögerungen der körperlichen Entwicklung und Auffälligkeiten des Nervensystems.
Seltener sind milde Sonderformen dieser Krankheit (späte Form). Sie können durch Rückstand in der körperlichen Entwicklung und Störungen des Nervensystems auffallen.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Das wichtigste Merkmal eines N-Acetylglutamatsynthetase-Mangels ist die Erhöhung der Ammoniakkonzentrationen im Körper bei gleichzeitiger Veränderungen einiger Eiweißbausteine (Aminosäuren) im Blut: starke Vermehrung von Glutamin (ev. auch von Asparagin und Alanin) und Verminderung von Citrullin und Arginin. Harnstoff ist meist sehr niedrig. Die so genannte Orotsäure, die bei anderen Harnstoffzyklusdefekten erhöht ist, wird nur in sehr geringen Mengen mit dem Urin ausgeschieden.
Anhand der Laboruntersuchungen aus Blut und Urin lässt sich der N-Acetylglutamatsynthetase-Mangel nicht von einem im Harnstoffzyklus benachbarten Defekt, dem Carbamylphosphatsynthetase-Mangel unterscheiden! Die Messung des Enzyms in Leber- oder Nierengewebe oder in der Dünndarmschleimhaut ist zur genauen Feststellung der Krankheit deshalb notwendig.

Behandlung

Unabhängig von der endgültigen Diagnose muss die Konzentration von Ammoniak im Blut mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ohne Zeitverzögerung gesenkt werden.
Schon beim Verdacht auf das Vorliegen eines N-Acetylglutamatsynthetase- ohne bereits erfolgte Abgrenzung vom Carbamylphosphatsynthetase-Mangels, sollte das Medikament Carbamylglutamat in Tablettenform verabreicht werden. Carbamylglutamat hat die gleiche Wirkung  im Stoffwechsel wie Acetylglutamat, das wegen des vorliegenden Defektes nicht vom Körper gebildet gebildet werden kann. [100 – 250 (570) mg/kg KG Tag ) Carbamylglutamat (Carbaglu®)]

a) Bei Auftreten der ersten Symptome /Notfallbehandlung

Bei der Erstversorgung oder bei einer Stoffwechselentgleisung steht an erster Stelle der Behandlung die Senkung der Ammoniakkonzentration. Dieses geschieht durch Stopp der Eiweißzufuhr (nicht länger als 2 Tage) bei gleichzeitiger Zufuhr von viel Kalorien (z.B. Traubenzucker) und Gabe von ammoniakbindenden Medikamenten [Natriumbenzoat und Phenylbutyrat (Ammonaps ®)]. Zusätzlich ist das schon erwähnte Medikament Carbamylglutamat (Carbaglu®) zu verordnen. In der Regel sind neben der Änderung der Ernährung und der medikamentösen Behandlung Infusionen, gelegentlich auch intensivmedizinische Eingriffe (Dialyseverfahren) zur Senkung der Ammoniakkonzentration notwenig.

b) Langzeitbehandlung

Die Therapie des N-Acetylglutamatsynthetase-Mangels besteht in einer Kombination von medikamentöser und diätetischer Behandlung. Beide müssen lebenslang strikt eingehalten werden.
Neben der regelmäßigen Einnahme von Carbamyglutamat und ammoniakbindender Medikamenten (sowie eventuell von Harnstoffzyklusbestandteilen Arginin bzw. Citrullin) ist die spezielle Diät die Hauptsäule der Langzeitbehandlung. Sie besteht in einer drastischen Einschränkung der Zufuhr von natürlichem Eiweiß mit dem Essen bis auf den minimalen Bedarf. Die altersentsprechende Stickstoffzufuhr erfolgt mit einem ausschließlich aus lebenswichtigen Eiweißbausteinen (essentielle Aminosäuren) bestehenden Gemisch. Wichtig ist eine ausreichende Kalorienzufuhr. Diätfehler mit zu hoher Zufuhr von natürlichem Eiweiß sind ebenso gefährlich wie Situationen mit Abbau von körpereigenem Eiweiß (Katabolie).
Auf eine optimale Zufuhr aller Salze (Mineralien), Vitamine und Spurenelemente muss geachtet werden.
Die sehr starke Reduktion der Zufuhr an natürlichem Eiweiß bedeutet für die Betroffenen einen Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Lakritze
Entsprechend der berechneten Eiweißmenge, können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener Eiweißrestmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Aussichten für die Zukunft

Die Zukunftsaussicht des N-Acetylglutamatsynthetase-Mangels ist umso günstiger, je eher die Diagnose gestellt bzw. die lebensnotwendige, lebensrettende Behandlung erfolgreich durchgeführt wird. Darüber hinaus ist die Zukunft der Patienten besser, wenn Zustände mit Ammoniakvermehrungen seltener auftreten. Ist die Gabe von Carbamylglutamat (Carbaglu®) sowie der ammoniakbindenden Medikamente erfolgreich und wird die Diät gut eingehalten, ist die Aussicht günstig.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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