Der mit der Nahrung mit Eiweiß aufgenommene Stickstoff wird, wenn der Körper ihn nicht weiter benötigt, als Harnstoff mit dem Urin ausgeschieden. Die Bildung des Harnstoffs erfolgt vorwiegend in der Leber, in einem als Harnstoffzyklus genannten System, an dem mehrere Enzyme beteiligt sind. Defekte der so genannten Ornithintranscarbamylase, (OTC), eines dieser Enzyme, sind die häufigsten im Harnstoffzyklus [Ornithintranscarbamylase-Defekt (OTC-Mangel)]. Diese angeborene Störung wird geschlechtsgebunden (x-chromosomal) vererbt. Aber nicht nur betroffene Jungen, sondern auch den Defekt übertragenden (heterozygote) Mädchen (Überträgerinnen) können schwer erkranken.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Die ersten Auffälligkeiten zeigen sich besonders bei betroffenen Jungen meist schon in den ersten Lebenstagen. Sie sind verursacht durch eine Vermehrung von Ammoniak (eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist) im Körper (Hyperammonämie). Es sind dies Verlangsamung der Reaktionen, Bewusstseinsverlust und Krampfanfälle, Erbrechen, Muskelschlaffheit und Lebervergrößerung. Häufig versterben diese Jungen in den ersten Lebenswochen durch eine nicht nachhaltig beeinflussbare Ammoniakvergiftung (Hyperammonämie). Aber es gibt auch mildere Verlaufsformen mit günstigerem Verlauf.
Die Erscheinungsbilder bei den übertragenden (heterozygoten) Mädchen und Frauen sind sehr unterschiedlich und reichen von schweren Krisen mit Ammoniakvermehrungen bis zur normalen Verträglichkeit von Eiweiß ohne Krankheitserscheinungen..
Der OTC-Mangel gehört zu der Gruppe von seltenen Erkrankungen (orphan diseases) und tritt in einer Häufigkeit von etwa 1 : 30000 auf. Harnstoffsynthesedefekte insgesamt findet man in einer Häufigkeit von ca. 1 : 8000.
Eine Früherfassung des OTC-Mangels im Neugeborenenalter (Neugeborenenscreening) gibt es bisher nicht.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Der wichtigste Hinweis auf das Vorliegen eines OTC-Mangels sind die extremen Ammoniakvermehrungen im Blut, sowie die Ausscheidung großer Mengen der so genannten Orotsäure (Orotat) mit dem Urin. Weitere Auffälligkeiten sieht man bei den Eiweißbausteinen (Aminosäuren) im Blut: niedrige Konzentrationen von Citrullin und Arginin (in der Regel auch von auch von Harnstoff) sowie Vermehrungen von Glutamin, Glutamat, Asparagin und Alanin.

Behandlung

a) Bei Auftreten der ersten Beschwerden/Notfallbehandlung

Bei der ärztlichen Versorgung nach Erkennung der Krankheit (z.B. im Neugeborenenalter) oder bei einer Stoffwechselentgleisung steht an erster Stelle der Behandlung die Senkung der Ammoniakkonzentrationen im Blut. Dieses geschieht durch Unterbrechung der Eiweißzufuhr (eiweißfreie Nahrung für maximal 2 Tage) bei gleichzeitiger kalorienreicher Ernährung (z.B. viele Kohlenhydrate; Traubenzucker) und Gabe von ammoniakbindenden Medikamenten [Natriumbenzoat und Phenylbutyrat (Ammonaps ®)]. In der Regel sind neben den diätetischen Maßnahmen und der Medikamentengabe intravenöse Flüssigkeitszufuhr, gelegentlich auch intensivmedizinische Eingriffe (Dialyseverfahren) zur Senkung der Ammoniakkonzentrationen notwendig.
Erst- oder Notfallbehandlungen bei schweren Stoffwechselentgleisungen sollten nur von dafür spezialisierten Ärzten in Stoffwechselzentren durchgeführt werden!

b) Langzeitbehandlung

Die Therapie des OTC-Mangels besteht in einer Kombination von medikamentöser und diätetischer Behandlung. Beide müssen lebenslang strikt eingehalten werden.
Neben der regelmäßigen Einnahme von ammoniakbindenden Medikamenten (sowie eventuell der Harnstoffzyklusbestandteile Arginin bzw. Citrullin) ist die diätetische Behandlung die Hauptsäule der Therapie. Sie besteht in einer drastischen Einschränkung der Zufuhr von natürlichem Eiweiß mit dem Essen bis auf den minimalen Bedarf. Die altersentsprechende Stickstoffzufuhr erfolgt dann mit einem ausschließlich aus lebensnotwenigen Eiweißbausteinen (essentiellen Aminosäuren) bestehenden Gemisch. Wichtig ist eine optimale Zufuhr von Kalorien (Kohlenhydrate, Fette). Diätfehler mit zu hoher Zufuhr von natürlichem Eiweiß sind ebenso gefährlich wie Zustände mit Abbau von körpereigenem Eiweiß.
Auf eine ausreichende Zufuhr aller Salze (Mineralien), Vitamine und Spurenelemente ist zu achten.
Die sehr starke Begrenzung der Zufuhr an natürlichem Eiweiß bedeutet für die Betroffenen einen Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Lakritze
Entsprechend der berechneten Eiweißmenge, können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener Eiweißrestmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Aussichten für die Zukunft

Die Lebensaussicht ist bei Jungen, die bereits in den ersten Lebenstagen auffällig werden, kritisch. Bei milderen Formen und bei heterozygoten Mädchen mit gelegentlich auftretenden Vermehrungen von Ammoniak im Blut (Hyperammonämien) ist die Prognose abhängig von der Beherrschung bzw. Vermeidung von Stoffwechselentgleisungen.
Der Schweregrad des Krankheitsbildes bei den Überträgerinnen der Krankheit ist auch bei bekannter genetischer Veränderung (Mutation) nicht vorauszusagen!

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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