Isovaleriansäure ist ein Stoffwechselprodukt im Abbau des lebensnotwendigen (essentiellen) Eiweißbausteins (Aminosäure) Leucin. Funktioniert das diese Säure verarbeitende Enzym (die Isovaleryl-CoA Dehydrogenase) nicht oder nicht ausreichend, komm es zu der Krankheit Isovalerianacidämie. Neben Isovaleriansäure sind dann viele weitere Stoffe (besonders Isovalerylglycin und Isovalerylcarnitin) in allen Organen und Körperflüssigkeiten in erhöhten Konzentrationen nachweisbar. Der gelegentlich festzustellende Geruch nach Schweißfüßen wird durch Isovaleriansäure selbst verursacht, die besonders bei Stoffwechselentgleisungen in vermehrt  im Blut nachweisbar wird.
Die Isovalerianacidämie ist eine angeborene Störung [nicht geschlechtsbezogen (autosomal) und rezessiv vererbt, d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke], die zur Gruppe der sogenannten Organoacidurien gerechnet wird. Sie tritt mit einer Häufigkeit von etwa 1: 50.000 auf und ist Bestandteil des in Deutschland seit 2002 bei allen Neugeborenen durchgeführten erweiterten Neugeborenscreenings (Früherfassung von angeborenen Krankheiten mittel Tandem-Massenspektrometrie aus getrocknetem Blut).

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Neben der akuten, im Neugeborenenalter auftretenden, und der chronischen Erscheinungsform (meist im ersten Lebensjahr auffällig) gibt es offensichtlich viele Verläufe ohne Krankheitszeichen. Die beobachteten Krankheitszeichen sind (neben dem Fußschweißgeruch) Erbrechen, Coma, Krampanfälle, Wasserverlust, Verminderung der Blutplättchen und der weißen Blutkörperchen (Thrombo- und Leukocytopenie), sowie Übersäuerung des Blutes, seltener Vermehrung von Ammoniak im Blut (Hyperammonämie). (Ammoniak ist eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist).
Bei älteren Kindern besteht häufig eine Abneigung gegen eiweißreiche Nahrungsmittel.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Entscheidend für die Erkennung der Krankheit ist die Messung der Isovaleriansäure (gekoppelt an das kleine Transporteiweiß Carnitin) im Blut. Dies erfolgt im Rahmen des allgemeinen erweiterten Neugeborenenscreening schon in den ersten Lebenstagen mittels spezieller Labormethoden (Tandem-Massenspektrometrie)..
Eine Messung der Enzymaktivität der Isovaleryl-CoA Dehydrogenase in Leukozyten bzw. Fibroblasten und/oder DNA-Analysen sind zur endgültigen Sicherung der Diagnose nach wie vor notwendig.

Behandlung

Wird im Rahmen des Neugeborenenscreenings die Isovaleriansäure (in Form von Isovalerylcarnitin) deutlich vermehrt gefunden, sollte bei einem klinisch unauffälligen Neugeborenen zunächst nur L-Carnitin als Medikament verordnet werden. Außerdem sollten die weiterführenden abklärende Schritte [Enzymaktivitätsmessungen aus weißen Blutzellen (Leukozyten) oder Hautzellen (Fibroblasten) und/oder genetische Analysen] veranlasst werden.
Sind Krankheitszeichen zu verzeichnen, ist mit einer intensiven Notfallbehandlung durch Spezialisten in einem Stoffwechselzentrum unverzüglich zu beginnen.

a) Erstversorung/Notfallbehandlung
Bei der Erstversorgung klinisch auffälliger Neugeborener, Säuglinge oder auch bei einer Stoffwechselentgleisung älterer Kinder ist das Ziel die Senkung der Blutkonzentration von Isovaleriansäure, Beseitigung der Blutübersäuerung (Acidose) sowie – falls vorhanden – der Hyperammonämie (Vermehrung von Ammoniak im Blut; Ammoniak ist eine Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist). Ingesamt wird eine ausgeglichene und aufbauende Stoffwechsellage angestrebt. Der zeitlich begrenztem Stop der Eiweißzufuhr (nicht länger als 2 Tage) unter Vermeidung des Abbaus von köpereigenem Eiweiß (Katabolismus) durch kalorienreiche Ernährung (Gabe von Kohlenhydraten und Fett, notfalls intravenös) sollte begleitet werden von Gabe des Medikaments L-Carnitin und eventuell des Eiweißbaustein (Aminosäure) Glycin  zur Bindung von Isovaleriansäure.

b) Langzeitbehandlung
Neben der Gabe des Medikaments L-Carnitin und von Glycin zur Bindung möglichst großer Anteile freier Isovaleriansäure (es entstehen dann Isovalerylcarnitin bzw. Isovalerylglycin) gehört eine spezielle Diät zur Behandlung der Erkrankung. Diese besteht in der Einschränkung der Zufuhr von natürlichem Eiweiß mit dem Essen (und damit der in allen Eiweißen vorkommenden Aminosäure Leucin) auf einen minimalen Bedarf und zusätzlich in der Verabreichung eines Gemisches von anderen Eiweißbausteinen (Aminosäuren) zur Zufuhr der altersentsprechenden Menge an Stickstoff. Dem Aminosäurengemisch sind außerdem wichtige Vitamine, Salzen (Mineralien) und Spurenelemente beigemischt, die eine eiweißarme Ernährung nicht ausreichend enthält.

Die Betroffenen müssen auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel verzichten, was häufig als nicht so gravierend empfunden wird, da gegen Speisen mit viel Eiweiß ohnehin eine Abneigung besteht.
Zu den besonders eiweißreichen Lebensmittel zählen:
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse, Mandeln
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Gelatinehaltige Süßigkeiten
Entsprechend der berechneten Menge an Leucin, die täglich aufgenommen werden darf, können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener geringer Leucinmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeere/Himbeere
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Die medikamentöse Behandlung und die strenge Diät müssen lebenslang durchgeführt werden!
Zur Therapiekontrolle sollten Isovalerylcarnitin und freies Carnitin im Blut, sowie die organischen Säuren im Urin (z.B. Isovalerylglycin) gemessen werden.

Aussichten für die Zukunft

Bei frühzeitiger Erkennung der Krankheit und konsequenter medikamentöser und diätetischer Behandlung (ohne schwere Stoffwechselentgleisungen) ist die Prognose günstig.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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