Vermehrung von Methylmalonsäure im Blut und/oder Urin findet man bei verschiedenen angeborenen Stoffwechselstörungen. Die häufigste dieser Krankheiten ist der so genannte Methylmalonsäure-Mutase-Defekt, bei dem eine organische Säure, die Methylmalonsäure, nicht abgebaut werden kann. Methylmalonacidämie (Mutase-Defekt) ist eine nicht geschlechtsbezogene (autosomal) und rezessiv vererbte angeborene Störung (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) im Stoffwechsel mehrerer Eiweißbausteine (Aminosäuren) (Isoleucin, Methionin, Threonin und Valin), der Fettsäuren (mit ungeradzahliger Kohlenstoffkettenlänge), sowie einem Teil des Cholesterins. Zur Funktion benötigt das Enzym (Methylmalonsäure-Mutase) eine Helfersubstanz (Coenzym), das so genannte Adenosylcobalamin (eine Wirksubstanz von Vitamin B12). Bei einigen Formen der Methylmalonacidämie besteht die Möglichkeit der Behandlung durch Gabe großer Mengen von Coenzym (Vitamin B12)(sogenannte mut—- Defekte), bei anderen besteht diese Möglichkeit nicht (muto -Defekte).
Die zur Krankheitsgruppe der so genannten Organoacidurien zählende Methylmalonacidämie
(Methylmalonyl CoA Mutase-Defekt) tritt insgesamt in einer Häufigkeit von etwa 1:50.000 auf.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Bei schwereren Formen der Methylmalonacidämie (Mutase-Defekt) treten schon in den ersten Lebenstagen (meist im Zusammenhang mit der getrunkenen Milchmenge) eine ausgeprägte Übersäuerung des Blutes (Acidose), Vermehrung von Endprodukten eines vermehrten Abbaus der Fette (Ketonkörper), Vermehrung von Ammoniak im Blut (Hyperammonämie), Trinkschwäche, Erbrechen, verstärkte Atmung (Hyperventilation),  Bewusstseinseintrübung,  Krampfanfälle, Bewusstseinsverlust, Muskelschlaffheit und Blutarmut auf. 70% der Betroffenen sind bereits in der ersten Lebenswoche auffällig! Bei den milderen Formen fallen im Säuglingsalter Gedeihstörungen, Blutarmut, Muskelschlaffheit, gelegentlich auch nur eine Blutübersäuerung (Acidose), häufig Verminderung des Mineralsalzgehaltes der Knochen und Nierenversagen, später, besonders nach häufigeren Stoffwechselentgleisungen, geistige Behinderung auf.
Auch bei gut und erfolgreich behandelten Patienten scheint sich spätestens im Kindes- bzw. Jugendalter ein Nierenversagen auszubilden. (Gelegentlich findet sich eine isolierte Verminderung der weißen Blutkörperchen und/oder der Blutplättchen).

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Mittels speziller klinisch-chemischer Labormethoden (Gaschromatographie-Massenspektrometrie, GC-MS) kann man im Urin (und im Blut) der Patienten große Mengen von organischen Säuren (Methylmalonsäure, 3-Hydroxypropionat, Methylcitrat und Propionylglycin) nachweisen. Die Kopplungsprodukte dieser Säuren mit einem kleinen Eiweißmolekül (Carnitin), die so genannten Carnitinester [Propionylcarnitine (C3) und Methylmalonylcarnitin (C4DC)] lassen sich mittels einer weiteren speziellen Labormethode, der Tandem-Massenspektrometrie, relativ leicht messen. Auch sind die Konzentrationen des freien Carnitins (C0) im Blut relativ erniedrigt.
Die Eiweißbausteine (Aminosäuren), aus denen Methylmalonsäure entsteht (Isoleucin, Methionin, Threonin und Valin) zeigen auch bei schweren Stoffwechselentgleisungen keine auf die Krankheit hinweisenden Veränderungen.

Behandlung

a) Erstversorgung/Notfallbehandlung
Bei Erstbehandlung aber auch bei Stoffwechselentgleisungen z.B. anlässlich eines banalen fieberhaften Infektes (z.B. Schnupfen) stehen der Beseitigung einer Übersäuerung des Blutes, die Vermeidung von Unterzuckerungen und die Verhinderung bzw. Beseitigung von Ammoniakvermehrungen an erster Stelle (Ammoniak ist eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist). Bei Erstbehandlung ist bis zum Beweis dessen Unwirksamkeit die Helfersubstanz (Coenzym) zu geben (Hydroxycobalamin in einer Dosierung von 10 mg/Tag (!) in die Muskulatur oder die Vene gespritzt) sowie das die organischen Säuren bindende Eiweiß (L-Carnitin) in einer Dosierung bis zu 250 mg/kg KG zu verordnen. Gleichzeitig ist die Zufuhr von eiweißhaltiger Nahrung bis zu zwei Tagen auszusetzen.

b) Langzeitbehandlung
Ziel der Langzeitbehandlung ist eine niedrige Ausscheidung der organischen Säure (von Methylmalonsäure mit dem Urin), Verhinderung von Unterzuckerungen und von Vermehrungen von Ammoniak im Blut, sowie Vermeidung von Nierenschäden. Bei Bestehen einer stimulierbaren Enzymrestaktivität (mut—- Defekt) ist auf eine ausreichende Zufuhr von Hydroxycobalamin (eine wirksame Form von Vitamin B12) zu achten.
Stoffwechselzustände, bei denen körpereigenes Eiweiß abgebaut wird (Katabolie), sind mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden!
Die unabdingbare Ernährungsbehandlung basiert im Wesentlichen auf einer Verminderung der Eiweißaufnahme mit dem Essen (d.h. einer  eiweißarmen bzw. isoleucin-, methionin-, threonin- und valin-berechneten Diät). Die zusätzliche Gabe von Eiweißbausteingemischen (Aminosäuren), die Isoleucin, Valin, Threonin und Methionin nicht enthalten, wird dadurch erforderlich.

Die Diät mit Reduktion der Zufuhr der Eiweißbausteine (Aminosäuren), aus denen Methylmalonsäure entsteht (Isoleucin, Valin, Threonin und Methionin), die in allen Eiweißen enthalten sind, bedeuten für die Betroffenen einen Verzicht auf besonders eiweißreiche Nahrungsmittel, wie
Milch
Milchprodukte (Quark, Käse, Joghurt, Schokolade)
Fleisch, Wurst
Fisch, Meeresfrüchte
Eier
Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen)
Mais
Nüsse
Cornflakes
Gries
Normales Brot, Kekse
Entsprechend der berechneten Eiweißmenge können gegessen werden:
Obst
Gemüse
Kartoffeln und Kartoffelprodukte
Reis
Sahne
eiweißarme Nudeln
eiweißarmes Brot, Brötchen, Kuchen, Waffeln
eiweißarme Milch
Obstsäfte (bei größeren Mengen)
Apfelmus
Nach Bedarf können (ohne Berücksichtigen ev. vorhandener geringer Eiweißmengen):
Wasser, Limonade, Kaffee, Tee
verdünnter Fruchtsirup
KABA fit Banane/Vanille; Erdbeer/Himbeer
Margarine, Öl, Butter
Zucker, Zuckerwatte, Traubenzucker
Süßigkeiten ohne Gelatine
Kaugummi
Wassereis
Honig
Marmelade, Konfitüre
Instant-Götterspeise

Die strenge Diät muss lebenslang durchgeführt werden!
Als Kontrolle der Behandlung dient die Bestimmung der Konzentration der Methylmalonsäure im Urin (oder Serum). Sie sollte unter 1000 mg/g Kreatinin (im Serum zwischen 50 und 80 µmol/l) liegen. Dass auch Darmbakterien organische Säuren (und damit Methylmalonsäure) produzieren können, ist bei der Behandlung zu berücksichtigen (Harnstoff/Methylmalonsäure-Relation kontrollieren! Bei Werten zwischen 3,5 – 5 mmol/mmol stammt die Methylmalonsäure vorwiegend aus Eiweißen, Relationen < 1 weisen auf eine übermäßige Produktion aus den Darmbakterien hin und sind die der Anlass für eine zusätzliche medikamentöse Behandlung).
In größeren Abständen sollten bei der Langzeitbetreuung neben den üblichen klinisch-chemischen Laborparametern die Kopplungsprodukte der organischen Säuren an Carnitin (Acylcarnitine), und die Eiweißbausteine (besonders die Aminosäuren Isoleucin, Methionin, Threonin, Valin, Glycin und Glutamin) im Blut kontrolliert werden. Mit den Routineuntersuchungen der Nierenfunktion sollte schon frühzeitig begonnen werden.

Aussichten für die Zukunft

Bei frühzeitiger Erkennung der Krankheit und konsequenter Ernährungsbehandlung (ohne schwere Stoffwechselentgleisungen) ist die Prognose relativ gut. Probleme bieten leider selbst bei guter Diätführung die sich langsam ausbildenden Nierenschädigungen (eine direkte Wirkung der organischen Säuren). Gelegentlich werden Nierentransplantationen notwendig.
Eine Verminderung des Mineralsalzgehaltes der Knochen (Ostepenie, Osteoporose) wird häufig beobachtet.
Die Lebenserwartung ist bei den mut—- Defekt-Patienten günstiger als bei denen mit muto –Defekt.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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