Beim nicht geschlechtsbezogen (autosomal) und rezessiv (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) vererbten Mangel an Holocarboxylase-Synthetase-Aktivität (Multipler Carboxylase-Defekt) ist die Ankopplung des so genannten Coenzyms (Helfersubstanz), des  Biotins (Vitamin H) an 4 Hauptenzyme (Apoenzyme) ungenügend. (Es handelt sich im Einzelnen um die Enzyme Pyruvatcarboxylase, Propionyl-CoA Carboxylase, Acetyl-CoA Carboxylase und 3-Methylcrotonyl-CoA Carboxylase). Als Folge dieser Störung treten Behinderungen im Kohlenhydratstoffwechsel (Pyruvatabbau), in der Bildung der Fettsäuren im Körper (Fettsäurensynthese) sowie im Abbau der lebenswichtigen (essentiellen) Eiweißbausteine (Aminosäuren) Leucin, Isoleucin, Valin, Threonin und Methionin auf.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Im Vordergrund der Krankheitserscheinungen steht schon ab dem  Neugeborenenalter eine „angeborene“ Vermehrung von Milchsäure im Blut (Lactatacidose durch Blockierung der Pyruvatcarboxylase) mit Erbrechen, Wasserverlust, schnelle Atmung, krankhafte Atmengeräusche (stridor) sowie Muskelschlaffheit, später folgen Hautausschlag um den Mund herum, Haarausfall, Bindehautentzündung. In besonders schweren Fällen kommen das Absterben der Seh- und Hörnerven, Bewegungsverlangsamung, ungewollte Bewegungen und Krampfanfälle  hinzu. Außerdem führen die Verminderung der weißen Blutkörperchen, sowie der Störungen ihrer Funktion (T-Lymphocytenfunktion) zu immer wieder kehrenden Infektionen (Ansteckung auch mit einfachen Erkrankungen wie Schnupfen)

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Infolge der Störung der  Holocarboxylase-Synthetase, d.h. der Ankopplung von Vitamin H (Biotin),  können alle nachfolgenden Enzyme (abhängige Carboxylasen) nicht arbeiten, so dass man alle eigentlich abzubauenden Substanzen vermehrt findet, wie z.B.  Methylcrotonylglycin, Propionsäure, Brenztraubensäure (Pyruvat). Diese organischen Substanzen lassen sich mit speziellen Labormethoden (Gaschromatographie-Massenspektrometrie) im Urin leicht nachweisen. Im Blut sind Milchsäure (Lactat), Brenztraubensäure (Pyruvat), Propionsäure  und meist auch Ammoniak (eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist) vermehrt.

Holocarboxylase-Synthetase lässt sich in Hautzellen (Fibroblasten) und weißen Blutkörperchen (Leukocyten and Lymphocyten) messen.
Ein allgemeines Neugeborenenscreening wie für den Biotinidase-Mangel gibt es zur Früherfassung des Multiplen Carboxylase-Defektes nicht.

Behandlung

Neben der Beseitigung der Milchsäurevermehrung (Lactatacidose), der Unterzuckerung (Hypoglykämie) und ggf. der Vermehrung von Ammoniak besteht die Behandlung des MultiplenCarboxylase-Defektes in der Gabe von

  • 50 bis zu 200 mg /Tag Vitamin H  (freies Biotin) oral, ggf. zu Anfang der Behandlung  und
  • 10 – 40 mg /Tag Vitamin H (freies Biotin) in der Dauerbetreuung

Bei Holocarboxylase-Mangel benötigen die 4 sekundär betroffenen Enzyme (Carboxylasen) zur vollen Aktivität hohe Dosen an Biotin (Vitamin H)!
Wegen der Biotin-bindenden Eigenschaften von Avidin, einer Substanz, die  im Eiweiß roher Eier vorkommt, sollt auf den Verzehr roher Eier ganz verzichtet werden.

Aussichten für die Zukunft

Die Zukunftsaussichten des Multiplen Carboxylase-Mangels sind bei frühzeitiger Entdeckung und regelmäßiger Gabe von Vitamin H als Medikament (Biotin-Substitution) gut. Bereits eventuell eingetretene Veränderungen an den Seh- und/oder Hörnerven gehen jedoch im Gegensatz zu den anderen Krankheitserscheinungen nicht wieder zurück!

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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