Carnitin/Acylcarnitin-Translokase ist eines von drei Enzymen, die den Durchtritt der langkettigen Fettsäuren (die an das kleine Eiweißmolekül „Carnitin“ gekoppelt sein müssen) durch die innere Membran der so genannten Mitochondrien ermöglicht. Mitochondrien sind Bestandteile aller Zellen (außer den roten Blutkörperchen), in denen durch chemische Prozesse Energie aus den Fettsäuren gewonnen wird. Die zweite Funktion des Enzyms besteht in dem Rücktransport des frei gewordenen Carnitins nach Trennung von den Fettsäuren zurück in das Zellwasser, wo es dann dem Fettsäurenstoffwechsel erneut zur Verfügung steht.
Der Carnitin/Acylcarnitin-Translokase-Defekt (CACT-Mangel) wird nicht geschlechtsgebunden (autosomal) und rezessiv (d.h. das gesunde Erbmerkmal überdeckt das kranke) vererbt.
Im Rahmen des erweiterten Neugeborenenscreenings (Früherfasssung angeborener Störungen in den ersten Lebenstagen) werden in Deutschland seit dem Jahr 2002 alle Neugeborenen auf das Vorliegen von Carnitin-Zyklus-Defekten, auch des CACT-Mangels, getestet..
Bisher wurden weltweit weniger als 100 Fälle von CACT-Mangel in der Literatur beschrieben.

Anzeichen (Symptome) der Erkrankung (vor Behandlungsbeginn bzw. ohne Behandlung)

Offensichtlich lässt sich der CACT-Mangel in eine im Neugeborenenalter auftretende (meist schnell zum Tod führende) und eine Form mit Krankheitsbeginn im  Kindesalter unterscheiden.
Die mehrfach beschriebenen Krankheitszeichen sind:
Unterzuckerung ohne Vermehrung der aus dem Fettstoffwechsel stammenden Substanzen (Ketone) (Hypoketotische Hypoglykämie)
Herzmuskelstörungen
Lebervergrößerung
Ernährungsprobleme
Bewusstseineintrübungen, Krampfanfälle, Atemstillstand
Gelegentlich Muskelschlaffheit
Sehr niedrige Konzentrationen des kleinen Transporteiweißes, Carnitin, an das die langkettigen Fettsäuren gekoppelt werden [freies Carnitin (C0)]
Vermehrte Ausscheidung von organischen Säuren mit zwei Säuregruppen mit dem Urin (Dicarbonacidurie)
Vermehrung von Ammoniak im Blut (Hyperammonämie) (Ammoniak ist eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in höheren Konzentrationen giftig ist)
Die betroffenen Neugeborenen versterben in der Regel am Herzversagen.
Der CACT-Mangel kann Ursache für einen plötzlichen Tod bei Säuglingen und/oder Kleinkindern (SIDS) sein.

Wie wird die Krankheit festgestellt?

Bei den Untersuchungen im Rahmen des erweiterten Neugeborenenscreenings (Tandem-Massenspektrometrie) findet man bei Vorliegen eines CACT-Defektes die langkettigen, an das Transporteiweiß Carnitin gebundenen langkettigen Fettsäuren, deutlich erhöht [Es handelt sich um: Palmitoylcarnitin (C16), Stearylcarnitin (C18) und Oleoylcarnitin (C18:1)]. Freies Carnitin (C0) ist im Blut sehr niedrig.
Zur Abgrenzung gegenüber anderen Störungen des Transport der Fettsäuren stehen Messungen des Fettsäurenabbaus in weißen Blutkörperchen und/oder Hautzellen (Fibroblasten), aber auch die direkte Enzymmessung oder genetische Test zur Verfügung.

Behandlung

Die Behandlung des CACT-Mangels entspricht im Wesentlichen dem aller Defekte im Fettsäurenabbau.
Bei akuten Krisen muss die zehrende (katabole) Stoffwechselsituation, verdeutlicht durch Unterzuckerungen, sofort mittels einer Infusion von Traubenzuckerlösung (Glukose) in einen aufbauenden Stoffwechselzustand (Anabolie) umgewandelt werden. (z.B. durch intravenöse 10 – 20%ige Glukoselösung, 10 – 12 g Glucose /kg KG und Tag). In besonders schweren Fällen kann eine höhere Dosierung und zusätzliche Gabe von Insulin notwendig werden).
Bei fieberhaften Infekten (Schnupfen, Grippe) oder als Vorbereitung für Operationen sollte frühzeitig mehr Kalorien in Form von Kohlenhydraten oral zugeführt werden (z.B. Maltodextrin: Säuglinge mindestens 15 g/kg KG pro Tag, Kinder 300 g/Tag).
Der Energiebedarf erhöht sich bei Temperaturerhöhung um 1 °C um etwa 10%!

Die Langzeit- bzw. vorsorgliche (präventive) Behandlung besteht in der Vermeidung von Hungerphasen bzw. zu langen Fastenpausen (nicht länger als 6 Stunden) und in einer speziellen Ernährung:
a) drastischen Reduktion der Zufuhr von langkettigen Fettsäuren
Vermieden werden soll fettes Fleisch, fetter Fisch, frittierte Nahrungsmittel, Butter, Sahne, Nüsse, Eigelb, Avocado; keine Vollmilch und Vollmilchprodukte (nur entrahmte Milch, Joghurt, Molke und Mager-Käse bzw. Quark)
b) Gabe von reichlich Kohlenhydraten (unter Bevorzugung von Lebensmitteln mit niedrigem glykämischen Index):
Nudeln, Reis, Pell-, Back- und Salzkartoffeln, Hülsenfrüchte, Bananen, Brot und Brötchen ohne Fett- und Milchzusatz
Falls mit natürlichen Lebensmitteln keine ausreichende Kalorienzufuhr möglich ist, sollte Maltodextrin und/oder Milupa basic-f zusätzlich verabreicht werden.
c) Gabe von weniger Fett als üblich (nicht mehr als 30% der täglichen Kalorienzufuhr als Fett)(aber angereichert mit mittelkettigen Triglyceriden, z.B. so genanntes Ceres-Öl oder Ceres-Margarine).

Außerdem steht eine spezielle fertige Trinknahrung für die Patienten mit Defekten in der Verdauung langkettiger Fettsäuren zur Verfügung (MONOGEN, SHS-Heilbronn).

Bei allen Diätformen unter Reduktion der Gabe von langkettigen Fettsäuren muss auf eine ausreichende Zufuhr der lebenswichtigen (essentiellen) Fettsäuren geachtet werden (z.B. mit Wallnußöl)!

Im Gegensatz zu anderen Störungen im Abbau der langkettigen Fettsäuren, sollte beim CACT-Mangel auf alle Fälle das Medikament L-Carnitin gegeben werden (100 – 200 mg/kg KG und Tag).

Aussichten für die Zukunft

Abgesehen von den in der Neugeborenenzeit häufiger beobachteten Herzproblemen ist die Aussicht bei frühzeitiger Erkennung der Krankheit und konsequenter Behandlung günstig. Häufige Stoffwechselentgleisungen mit Unterzuckerungen verkürzen die Lebenserwartung.

Die Bereitstellung des Textmaterials erfolgt durch freundliche Überlassung der SHS-Gesellschaft. Ergänzende Informationen finden Sie unter www.stoffwechselgutleben.de.

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